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Hörgeräte-Museum | Führung


von Aubrey Miller

Verehrte Besucher!

Diese Einführung soll ein Leitfaden sein beim Gang durch die Ausstellung und einen Eindruck vermitteln über den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung der Hörhilfen über einen Zeitraum von etwa 250 Jahren. Sie zeigt uns einen langen Weg bis zum hochentwickelten Stand der heutigen Technik. Wir meinen, daß einer solchen Sammlung ein beträchtlicher kulturgeschichtlicher Wert zukommt. Um dem interessierten Laien ebenso wie dem gestandenen Hörakustiker die Historie der Hörhilfen ein wenig näher zu bringen, sollen hier einige - vielfach unbekannte - Fakten, aufgestöbert in zum Teil sehr alter Literatur, vorgestellt werden. In diesem Rahmen konnte freilich nur eine beschränkte Auswahl aufgenommen werden. Bei weitergehendem Interesse sei auf entsprechende sachbezogene Veröffentlichungen hingewiesen.
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Hören mit den Zähnen

Vorzeit

In grauer Vorzeit war ein gutes Gehör Voraussetzung fürs Überleben, besonders in der Zeit der Jäger und Sammler. Geräusche aus der Entfernung wahrzunehmen, und dies bei Tag, war lebenswichtig. Zu dieser Zeit, so ist wohl anzunehmen, war die Hand hinter dem Ohr naheliegend.
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Zur weiteren Steigerung der Schallaufnahme könnte das Büffelhorn gedient haben. Der Wunsch zum Weiter-Hören begleitet den Menschen seit jeher, wie den weiteren Ausführungen zu entnehmen ist.

Aus dem Altertum sind Zeugnisse überliefert, aus denen man schließen kann, daß der Mensch auch damals unter Hörminderung litt. Beginnen wir bei den ältesten Dokumenten:
In altägyptischen Gräbern wurden Stelen - das sind Stein- oder Tontafeln - geborgen, deren Hieroglyphen den Wunsch zum Ausdruck bringen, die Gottheit möge dem Verstorbenen im jenseitigen Leben das Gehör wiedergeben. Der Schrift ist die Abbildung eines Ohres beigefügt.
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Ohr-Stelen, gefunden in altägyptischen Gräbern (bei Memphis b. Theben)
In vorchristlicher Zeit schreiben griechische Philosophen und Mathematiker über die Physiologie des Ohres und den Hörvorgang. Pythagoras beschreibt den Schall als Schwingung, und viele andere widmen sich diesem Thema. In dieser Abhandlung soll indes von der Vielfalt der Hörhilfen die Rede sein und von den gelehrten Mönchen, Ärzten und Mathematikern, die in ihren Schriften Stellung zum Thema genommen haben.

16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts: Hörrohre, Hörschläuche

In den Archiven der Bibliothek des Deutschen Museums in München war durch einen glücklichen Zufall vieles zu finden, was in vergangenen Zeiten von Autoren oben erwähnter Profession geschrieben wurde. Besonders ist hervorzuheben der Jesuitenpater Athanasius Kircher aus einem Kloster in Fulda, der vor dem 30jährigen Krieg über Frankreich ins Jesuiten-Colleg nach Rom auswich. Neben zahlreichen anderen Wissensgebieten beschäftigte er sich mit der Lehre vom Schall. Im Zuge seiner Untersuchungen beschrieb er 1650 in seiner MUFURGIA die Erfindung der „Hörmaschine". Im Kräuterbuch des Adamus Lonicerus, erschienen 1577 bei Christian Egenolffs seligen Erben zu Frankfurt, ist ein Rezept gegen Harthörigkeit beschrieben, das wegen seiner Kuriosität hier zitiert werden soll:
Wer taub were der nemme Frauwenmilch/
die ein Knäblein säugt/ auff zehn oder zwölff
Wochen vergangen nach deß Kinds Geburt/
und tu darzu Hauswurtzsafft/
tropf drei oder vier tropffen in die Ohren/
und thus offt/ das Gehör kompt wiederumpt.

Im großen Universal Lexicon aller Wissenschaften von 1735, erschienen bei Johann Zeidler in Halle, gab es eine Abhandlung über die Akustik des Schalles in Verbindung mit der Physiologie des Ohres. Von einem „Kunstohr, vor die so schweren Gehörs seien" wird 1718 in der Sammlung Natur- und Medizin-Geschichten berichtet. 1812 schreibt ein Consistorialrat zu Arnstadt, wie ein Hörrohr beschaffen sein sollte: „Inwendig müssen diese Hörrohren wohl poliert, auswendig mit einem weichen Stoff überzogen sein, damit sie den Schall vollkommen gleichmäßig zurückwerfen". Ebenfalls 1812 berichtet ein unbekannter Autor im Physikalischen Wörterbuch über seine Erkenntnisse zur Schallführung am Hörrohr.
Nach meinem Dafürhalten basieren die meisten Berichte über den Schall aus diesem Zeitabschnitt - auch in Frankreich und England - auf den Forschungsergebnissen des Athanasius Kircher. Er hatte Untersuchungen an allen damals bekannten „Constructionen" angestellt und kritisch kommentiert. Aus der Anzahl der Fußnoten ist zu entnehmen, daß allerorts in Europa am Problem der Hörhilfen gearbeitet wurde. Er schrieb um 1675 ein umfangreiches Buch über seine Experimente mit dem Schall und die Erkenntnisse, die er daraus gewann. Alle Autoren danach zitieren diese.

Hier einige damalige Erkenntnisse zur Gestaltung der Hörrohre:
- Schallstrahlen sollen in einem einzigen parabolischen Punkte gesammelt werden.
- Ein gerade geformtes Rohr bringt keine Verstärkung.
- Eine geringe Verstärkung ergibt sich auch, sobald man dem Schallweg eine Krümmung gibt.

Alle Autoren, wie Leuceron 1624, Schwenter 1636, Athanasius Kircher 1650, Hoefer 1657, waren bemüht, Erkenntnisse über die Gesetze der Akustik und Schallausbreitung zu gewinnen. Eine allgemein anerkannte Theorie gab es noch nicht. Vermutlich sind nach den Angaben dieser Autoren Hörhilfen angefertigt worden, wobei es wohl bei Einzelstücken geblieben ist und meines Wissens keines der Nachwelt erhalten blieb. Serienfertigung ist erst im 19. Jahrhundert nachweisbar. Erst 1839 erscheint im „Pfennig Magazin" eine umfassende Darstellung des damals aktuellen Wissens. Auch von der Gestaltung der „Schallstrahlenfänger", der zu verwendenden Materialien sowie den sozialen und medizinischen Aspekten wird in dieser Schrift berichtet. Über das Verdeckthalten und die gewünschte Unauffälligkeit der Hilfsmittel wird jetzt diskutiert, ein Indiz für die sich allmählich entwickelnde Breitenwirkung der Hörrohre in ihren vielfältigen Ausführungen. Ein weiterer Beweis für diese Theorie ist die Patentierung von Pastor Dunkers „Hörmaschine mit biegsamem Rohr" im Jahre 1820. Das Gerät bestand aus einem Schlauch, dessen Länge zwischen 8 und 12 Fuß gewählt werden konnte, als Schalleintritt hatte es einen Trichter aus Hartgummi. Das Bemerkenswerteste war indes die mit dem Gerät gelieferte 12seitige (!) Anwendungsbeschreibung. Übrigens verkaufte Pastor Dunker in Rathenow auch Brillen.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden in England die fortschrittlichsten mechanischen Hörhilfen erdacht und hergestellt. Um diesen Geräten das Odium der Prothese zu nehmen und als Gegenteil den Anschein einer kleinen Kostbarkeit zu verleihen, wurden reich ziselierte Hörrohre aus Silber der gesellschaftlichen Oberschicht angeboten. Sie kamen um 1835 aus der Werkstatt von Rowling and Sammer in London. Um die Rohre in der Tasche mitführen zu können, waren diese teleskopartig zusammenschiebbar. Die Firma Rein and Son in London war 1865 auf die Herstellung akustischer Instrumente mit gewundenen Rohren spezialisiert. Ihre Produkte ließ sie durch Patente vor Nachahmern schützen. Auch andere englische, französische und deutsche Hersteller traten mit allen erdenklichen Formen am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Markt.
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Von den deutschen Herstellern ist zu erwähnen die Firma Kirchner & Wilhelm in Asperg bei Stuttgart, deren zahlreiche Modelle im Katalog von 1910 des „Medizinischen Waarenhauses" angeboten wurden. Nicht ungenannt bleiben darf auch Johann Nepomuk Mälzel (1772 - 1838), der durch die Anfertigung einiger Hörrohre für Ludwig van Beethoven in den Jahren 1812 bis 1814 bekannt wurde.
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Ab Ende des 19. Jahrhunderts: Telephonie-Hörgeräte

Mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts bahnt sich eine neue Ära in der Technik der Hörhilfen an. Der elektrische Strom bewirkt nun die Verstärkung des gesprochenen Wortes, das bedeutet für die Fortentwicklung der Hörhilfen einen entscheidenen Wendepunkt. Den Grundstock freilich bietet die Erfindung des Telefons von dem Deutschen Philipp Reis 1861 einerseits und unabhängig von ihm Alexander Graham Bell in den USA 1876 andererseits. Diese Konstruktion erweist sich als brauchbar und entwicklungsfähig. Daneben zielten Bells Versuche auch darauf, den tauben Menschen ein Instrument zur Verfügung zu stellen, um die Sprache zu erlernen. Es heißt, er habe seiner schwerhörigen Frau ein elektrisches Hörgerät konstruiert. Unter den ersten Erfindern einer nach damaligen Verhältnissen wirklich brauchbaren Hörhilfe ist Edison mit einem Patent von 1901 auf einen „Kohle-Granulat-Transmitter". Ein weiterer Tüftler namens Miller Reese Hutchinson meldet 1902 unter der Bezeichnung „Telephon Transmitter" einen Patentanspruch an. Kleinere und handlichere Geräte werden angeboten. Um eine größere Verstärkung zu erzielen, sind diese mit mehreren Kohlemikrofonen ausgestattet.
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Unter den ersten illustren Besitzern einer solchen Hörhilfe befindet sich die englische Königin Alexandra, die zu den Krönungsfeierlichkeiten 1901 ein Gerät von Miller Reese Hutchinson mit 4 Kohlemikrofonen benützt. Sie dankt Hutchinson persönlich mit der Verleihung eines Ordens. In den folgenden Jahren werden laufend verbesserte Geräte angeboten. Durch verkleinerte Batterien, Mikrofone und Hörer mit besserer Verstärkung bieten die Hörhilfen mit ihrer optimierten Handlichkeit schon die Möglichkeit, am Körper getragen zu werden. Gegenüber dem Tischgerät ist das ein nicht zu übersehender Fortschritt, der zu ihrer zunehmenden Verbreitung führt. Der anfänglich vermittels eines Griffes am Ohr zu haltende Hörer wird nun durch einen kleineren und leichteren Magneteinsteckhörer (etwa nach Louis Weber 1914) in der Ohrmuschel angebracht und läßt somit die Hand frei. Die Ausgangsleistung konnte stufenweise eingestellt werden. Handelsübliche 4,5 V Batterien kamen hinzu. Die Firma Ardente in London trug mit einem in dieser Kategorie ausgereiften Gerät zur größeren Verbreitung bei. Auf dem Kontinent entstand eine Reihe von Firmen, die dem Prinzip Kohletransmitter zur weiteren Verbreitung verhalfen. Siemens & Halske in Berlin war sowohl im Telefonbereich als auch mit der Herstellung elektromedizinischer Apparate beschäftigt, so daß sich auch Hörappparate in das Programm einfügten. Die Spezialisierung und Weiterentwicklung bis zum heutigen Tage erfolgt bei Siemens-Reiniger in Erlangen. Im Museum werden die nahezu lückenlosen Entwicklungsreihen der Firmen Bosch-Omniton, Siemens und Philips chronologisch geordnet vorgestellt. Auf dem deutschen Markt wurden dank der Nachfrage Produkte aus Dänemark, England, Schweiz und Amerika angeboten, teilweise auch mit firmeneigenem Kundendienst.

Exkurs: Meßgeräte

Einiges bewegt sich auch auf dem Gebiet der Hörprüfung mit nach damaligen Gesichtspunkten fortschrittlichen mechanischen Gehör-Meß-Prüfgeräten. Neben anderen Apparaten war es um 1900 die „Galtonpfeife" des vielseitigen englischen Physikers Sir Francis Galton (1822 - 1911). Dieses Gerät diente unter anderem der Untersuchung der Altersschwerhörigkeit. Neben den elektrisch angeregten Stimmgabeln nach Helmholtz (1862) und anderen später fortentwickelten Apparaturen fand auch das „Monocord" in HNO-Kliniken und Praxen Eingang. Es handelt sich hierbei um einen Tonerzeuger, der mittels eines gespannten Stahldrahtes und darauf gleitenden Schiebern definierte Töne abgab. Ein geigenbogenartiger Bügel, der über die Saite strich, erzeugte den eingestellten Ton.

Indes, die Entwicklung ging weiter. Mit der Erfindung der elektronischen Verstärkerröhre, die in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts zur Anwendung gelangte, kam eine neue Entwicklungsstufe in der Tonaudiometrie und auch der Hörgerätetechnik zum Tragen. Die ersten Schritte vom mechanischen Tonerzeuger zum elektronischen Hoch- und Niederfrequenz-Ton- und Sprachaudiometer erfolgten um die Zeit nach dem ersten Weltkrieg ab 1920. Hier soll jedoch vorwiegend auf die ausgestellten Hörgeräte Bezug genommen werden.
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Von Beginn des Jahrhunderts bis Anfang der fünfziger Jahre: Elektronenröhren-Geräte

Die auf anderen Gebieten erkannten Vorteile der elektronischen Verstärkerröhre konnten auf dem Hörgerätesektor nicht unbeachtet bleiben. Über einen Zeitraum von 25 Jahren hatten die Carbon-Geräte in ihren vielfältigen Formen den Markt beherrscht. Der gleitende Übergang zur Elektronik vollzog sich Anfang der 30er Jahre. Mit Beginn des 2. Weltkrieges standen die kriegsbedingten Interessen im Vordergrund, und die Fortentwicklung ruhte. In der Nachkriegszeit begann ein Neuanfang mit Tischgeräten, die mit Röhren bestückt werden. In den Jahren 1946 bis 1948 brachte z.B. die Firma Atlaswerke in Bremen ein mit den Wehrmachtsröhren P 2000 ausgestattetes Netzanschluß-Tischgerät auf dem Markt. Zur gleichen Zeit baute auch Siemens ein Tischgerät mit Netzanschluß.

Ab 1950 setzt auf breiter Basis die Entwicklung des am Körper zu tragenden Kästchen- oder Taschengerätes mit Verstärkerröhren ein. Während des Krieges wurde die aus militärischer Notwendigkeit entwickelte Subminiaturröhre für Hörgeräte eingesetzt. Auch hier der Krieg als Vater aller Dinge! Die Röhre schrumpfte auf 25 mm Länge und 8 mm Durchmesser. Sie benötigte eine Anodenspannung von mindestens 12,5 bzw. 25 V und eine Heizspannung von 1,5 V. Die früher recht großen Bauteile wie Batterien, Wandler, Schalter und anderes hatten die Größe der Geräte bedingt. Die zahlreichen auf dem Markt auftretenden Hersteller lieferten sich nun im Verein mit Batterie- und Bauteil-Lieferanten einen der Entwicklung sowie der Verkleinerung dienenden Wettbewerb. Bis 1963 erreichen die Kästchengeräte einen hohen technischen Stand an Tragekomfort, stark verbesserten Wiedergabe-Eigenschaften wie speziellem Hochton und Breitband, AGC, PC, wirkungsvoller Telefonspule u. a.

Ab 1957 Miniaturisierung der Bauteile durch Transistoren: Kästchengeräte, HDO-Geräte, IO-Geräte, Hörbrillen

Mit Erfindung des Transistors und seiner rasanten Vervollkommnung - etwa ab 1957 - gewinnt dieser Baustein im Hörgerät die Bedeutung eines wichtigen Entwicklungsabschnittes. Zunächst kam der Transistor nur teilweise als Bauglied zur Anwendung. Transistor und Röhre im Verbund boten Platzgewinn und Stromersparnis, man sprach vom Teiltransistorgerät. Mit der Weiterentwicklung dieses Verstärkungsgliedes kam aber alsbald das Volltransistorgerät. Der Wettbewerb auf dem Markt zielte auf eine ständige Miniaturisierung aller Bauteile.

Die den Kästchengeräten anhaftenden nachteiligen Eigenschaften, u.a. auch das störende Kleider-Reibegeräusch auf das Ohr zu übertragen, bestärkte die findigen Techniker - vornehmlich in den USA - in der Absicht, ein am Kopf zu tragendes Gerät zu entwickeln. Neben dem ästhetischen Gewinn hat diese Plazierung den Vorteil, die Information dort aufzunehmen, wo die Natur es vorgesehen hat. Der Transistor und die Diode mit ihren geringen Abmessungen und die nun zur Verfügung stehenden Quecksilber-Knopfzellen von 1,4 bzw. 1,5 V boten in Verbindung mit einer gedruckten Schaltung die Möglichkeit zum anatomisch geformten HDO (Hinter-dem-Ohr)-Gerät mit seinen Varianten. Der amerikanische Markt mit 170 Millionen Einwohnern bot die Gewähr für schnelle Amortisation der Entwicklungskosten. Der hinter dem Ohr zur Verfügung stehende Platz bestimmt die Form des HDO-Gerätes. Der beschränkte Platz im Gehäuse machte es bei den ersten Modellen erforderlich, die Knopfzellen auf der Außenwand des Gehäuses zu plazieren. Auch der Hörer fand bei manchen Typen innen keinen Platz und mußte als Magnet-Einsteckhörer, wie beim Kästchengerät, in der Ohrmuschel (Concha) angebracht werden.

In der ebenfalls in den USA entwickelten „Modul-Technik" wurden die Bauelemente wie Transistoren, Widerstände, Dioden u.a. auf kleine Kunststoffplättchen aufgebracht und diese aufeinandergeschichtet und verdrahtet. Mit dieser Bauweise wurde Betriebssicherheit erzielt und Platz gewonnen, wodurch die äußeren Abmessungen des HDO wieder ein wenig reduziert werden konnten. Die nächste Entwicklungsstufe war die „Dünnfilmtechnik". Auch hierbei handelt es sich um eine Sandwichbauweise, jedoch mit extrem dünnen Schichten, die im Vakuum durch Bedampfung aufgebracht werden. Die wesentlichen Verstärkerbauteile wie Transistoren werden bei diesem Verfahren nachträglich eingebracht. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklungsarbeit der Firma Knowles in den USA, die besonders zur Verbesserung der Leistung und Miniaturisierung der Schallwandler beigetragen hat.

In diesen Zeitraum der HDO-Geräte gehört auch die Hörbrille. An dieser Bauform einer Hörbrille waren Brillenträger zunächst interessiert in dem Glauben, es brauche nichts mehr in das Ohr gsteckt zu werden. In den Jahren 1950 bis 1970 kam als erstes die Zweibügelbrille auf den Markt. Die Brillenbügel waren wegen der Größe der Einbauteile recht klobig. Die Verstärkerteile mußten aus Platzgründen auf beide Bügel verteilt werden. Eine Seite wurde mit Mikrofon und Vorverstärker bestückt, die andere Seite nahm Endverstärker, Hörer und Batterie auf. Die Verbindung beider Seiten erfolgte über den Mittelteil der Fassung und die Scharniere. Aber Leitungsbruch und Oxydation an den Scharnieren waren nicht selten. Freilich wandelte sich die Hörbrille im Laufe der Jahre zu einem eleganten Utensil. Mit Aufkommen der IO-Geräte verlor die Brille jedoch an Bedeutung.

Eine technische Fortentwicklung der Hörgeräte ist nicht denkbar ohne die gleichzeitige Verbesserung der Ohrstücke (Otoplastik). Ein wesentlicher Teil der Übertragungseigenschaften obliegt diesem Zubehör. Neben der sorgfältigen Abdrucknahme am Ohr spielen Material, Bohrung, druckfreier Sitz und nicht zuletzt die Ästhetik eine wichtige Rolle. Für die Akzeptanz der Anpassung durch die Patientenschaft wurde von engagierten Hörakustikern und vor allem von den otoplastischen Labors bedeutende Pionierarbeit geleistet.

„ Es eilt die Zeit im Sauseschritt, und eins, zwei, drei, wir eilen mit" schreibt Wilhelm Busch.
In den späten 80er Jahren erregt das baugruppentechnisch nahezu ausgereifte Im-Ohr-Gerät (IO) allgemeines Interesse. In den USA hat es bereits 30% Marktanteil gewonnen. Auch in Europa erreicht dieser Gerätetyp recht bald einen hohen technischen Stand und damit Marktanteil. Infolge der Plazierung in der Concha ist die Schallaufnahme noch näher an das Trommelfell gerückt, mit all den sich daraus ergebenden Vorteilen. Die unauffällige Trageweise begeisterte die Hörbehinderten aus verständlichen Gründen, jedoch wurden der anfänglichen Freude bald Grenzen gezogen. Gerät und Otoplastik verschmelzen bei diesem Typ zu einer Einheit. Die Bedienung des winzigen Rädchens des Lautstärkereglers bereitet älteren Leuten mit herabgesetztem Tastgefühl in den Fingern oft Schwierigkeiten, desgleichen das Einsetzen der kleinen Knopfzellen. Auf eine Telefonspule muß aus Platzgründen verzichtet werden. Zudem reicht die Verstärkerleistung zunächst nur bei geringer bis mittelschwerer Hörbehinderung. Der verantwortungsbewußte Hörakustiker muß die vorliegende Hörbehinderung sorgfältig bei Beratung und Entscheidung zwischen HDO und gewünschtem IO berücksichtigen, um nicht nach der Anpassung Unzufriedenheit hervorgerufen zu haben.
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Hier gelangen wir mit dieser Historie an die Grenze der jüngeren Vergangenheit und damit auch an das Ende dieser Rückschau. Im Hinblick auf den bereits begonnenen Einstieg in das Digitalzeitalter zeichnet sich wieder ein großer Sprung nach vorn in der Hörakustik ab.

Übrigens:
Der amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt stellt fest:
In 4 Jahren ist die Hälfte unseres Wissens veraltet, und in 10 Jahren fragt kein Mensch mehr nach dem, was heute Stand der Technik ist.

Aubrey Miller

Weiterführende Literatur

Jubiläumsschrift 75 Jahre Schwerhörigenarbeit
„ Der lange Wege zum besseren Hören ..."
Seite 77
von René Casut
BSSV Bund Schweizerischer Schwerhörigenvereine,
CH-8042 Zürich, Schaffhauser Str. 7

„ Die Geschichte der Hörhilfen",
Was sie wurden, was sie sind
von Aubrey Miller
Zeitschrift HÖRAKUSTIK Nr. 5 v. Mai 1995
Median-Verlag
69117 Heidelberg, Hauptstr. 64 oder
69029 Heidelberg, Postfach 103964